HEUTE: 1. Volksbühne –„Wachs oder Wirklichkeit“ / 2. Deutsches Theater – „Der Liebling“ / 3. Schlosspark Theater – „Der Revisor“
Irgendwie klemmt es am Klavier. Und der Tasten-Ritter, strahlend ganz in Weiß, steht auf, greift zum Mikro, tritt an die Rampe und haucht untertänigst ins Publikum: „Bitte haben Sie noch einen Moment Geduld, wir sind gleich wieder für Sie da.“ Zurück am Instrument, wieder ein paar Takte – der Schlager-Oldie „Rhythm is a Dancer“. Und wieder stockt es. Übers Wort „Rhythm“ kommt Strahlemann, der Pianist, einfach nicht weiter. Wieder Entschuldigung. Wieder „Bitte haben Sie…“ So geht das hin und her, bevor der Vorhang endlich hochgeht. Menschliche Funktionsstörung. Was für ein Sinnbild. Wie passend als Ouvertüre für Christoph Marthalers betörendes Melancholie-Stück „Wachs oder Wirklichkeit“.
Vor 33 Jahren begann an der Volksbühne mit „Murx den Europäer! Murx ihn, murx ihn ab!“ Marthalers Aufstieg in den Ruhm. Als einer der bedeutendsten und – indem er absurde Szenerien poetisch erweitert mit Musik und Gesang – zugleich stilprägendsten Theatermacher der Jahrtausendwende-Zeiten. „Murx“ blieb 14 Jahre im Spielplan. Die irritierende Verlorenheit der verzweifelt „Danke, danke für diesen guten Morgen“ singenden Figuren, derweil unerbittlich die Uhr tickt, die traf damals, anno 1993, den Nerv der Leute. Und träfe ihn wohl auch heute.
Nun ist der feinsinnige Gemütserforscher zurück mit einer neuen „ergebnisoffenen Wirklichkeitsbetastung“. Diesmal nicht in einem der von Anna Viebrock entworfenen traurig abgelebten Abstellräume. Sondern in einem Panoptikum, hell wie in den 1950ern. Mit Empore und vergoldeten Säulen. Im Hintergrund links ein Regal mit Archiv-Akten, rechts vorn die Fototapete einer hübsch alteuropäischen Stadt – aber unter Hochwasser. Soviel optisch untergeschobene Katastrophe muss sein.
Paradierende Puppen
Die überraschenderweise geradezu elegante Raumfantasie wird bevölkert von einer pittoresken Personen-Parade aus dem VIP-Bereich, lebensecht nachgebaut als Puppen, womit die Volksbühnen-Werkstatt ihrem exzellenten Ruf erneut gerecht wird. Mühelos erkennen wir Queen Elizabeth, Lagerfeld, Montserrat Caballé, Heino, Lady Di, Einstein oder Taylor Swift. Dazwischen geistert das leibhaftige Ensemble.
Und immer wieder rätseln wir für Momente, ob da nicht doch der eine oder die andere eine Puppe ist. Denn Hildegard Alex, Franz Beil, Magne Havard Brekke, Olivia Grigolli, Altea Garrido, Rosa Lembeck sowie das musikalische Leitungstrio Tora Augestad, Jürg Kienberger, Clemens Sienknecht, sie alle lösen sich nur behutsam aus ihrer Erstarrung. Und fallen urplötzlich immer wieder dahin zurück.
Solch Wechsel kennt auch das Leben – bis es endet. Zuvor jedoch umkreist es gern schwerwiegende Fragen: Lebt man noch oder schon nicht mehr – oder nicht mehr richtig? Was ist wirklich, was bloß Wachs? Und wer ist man? Was überhaupt ist das Ich? Philosophische Vexierspielchen, ganz leicht, wie nebenher. Lauter Endspielminiaturen. So ist diese Marthalerei auch ein (zugleich wohl privat gemeintes) Spiel um Abschied.
Freilich bei freundlich wehender Musik von Klassik bis Pop. – „Nimm mich mit in die Wirklichkeit, irgendwas nimmt mir die Sicht. / Nur durch einen Spalt seh‘ ich dieses wunderbare Licht..." säuselt samtig sentimental Tora Augestad einen Schlager aus den Neunzigern; ein Motto des Abends.
Dann wieder kommt wie ein Chor von Engeln das Kollektiv: Mit Dionne Warwicks Hit „That’s what friends are for“. Dazu schnappt jeder sich jemand, gleich ob Wachs oder in echt, zum herzbewegend komischen Anschmachten. Da glüht „Freundseligkeit“; denn noch ist nicht alles verweht, versunken.
Kreatives Kopfschütteln
Natürlich, nicht alles ist Singsang. Durchsetzt sind die 100 Marthaler-Minuten mit knappen Schüben surrealer vertrackter Texte von Jürg Laederach, dem 2018 verstorbenen, hoch geehrten universellen Experimentalkünstler aus der Schweiz. Es sind Brocken aus „Das ganze Leben“, „Emmanuel“ oder „Flugelmeyers Wahn“, bei denen immer wieder die Sprache versackt. Eine Leerstelle entsteht, die fordert, dass wir selbst sie füllen. Oder sie provoziert kreatives Kopfschütteln. Also kabasurdes Abrett; kapiert?
Deutlich rätselhafter hingegen das Oratorium „Hitler in Pankow South“, von der Gruppe als dreiteiliges Lesestück von der Rampe runtergekippt. Wir ahnen mehr als wir wissen: Es geht um die unerwiderte Liebe eines Führers zu einer Dame aus dem Volk. Oder zum Volk. Immerhin, auch das eine Art Verschwinden.
Wachs, Wahn, Wirklichkeit – und dazwischen jeweils ein „oder“. Eine Meditation mit Worten und Tönen, meisterlich arrangiert als, ganz wichtig, schönes „Happening in ruinösen Zeiten“. Da klingt mehr vom Leben und von Zeiten als in vielen schwerlastigen Diskurs-Stücken unseres Gegenwartstheaters.
Und wenn da eine herrlich freche Alte (Hildegard Alex) immerzu an den Figuren, ob aus Fleisch oder Pappe, mit dem Staubwedel herumfummelt und „Nicht einschlafen!“, „Nicht einschlafen!“ brüllt, gilt das uns, dem Publikum. Doch darüber hinaus dem Dasein – bis wir endlich fort sind.
Leider sind alle derzeit angesetzten Termine restlos ausverkauft. Wir hoffen auf weitere Vorstellungen.
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Großer Krieg unter Tampon-Herstellern. Die Konzerne „Never“ und „Immer“ ringen ums Marktmonopol, CEO Franka König (Fritzi Haberlandt) und CEO Bettina Fürstenberg (Abak Safaei-Rad) wollen einander kaufen, ihre Kinder ringen ums Erbe, nachgeordnetes Personal schlägt sich skrupellos um Vorteile.
Die Groteske „Der Liebling“ – gemeint ist ein innovativ konstruierter Tampon – von Svenja Viola Bungarten handelt hardcore-feministisch von Chefinnen, Konkurrentinnen, Schwestern, Müttern, Verliebten, Verbündeten, Feindinnen, Opportunistinnen. Also alles „Innen“. Aufwerfend die Frage: Was macht die Macht mit den Frauen, die an der Macht sind? Die weise Antwort: Nicht (nur) Gutes. Was keine Neuigkeit wäre, aber immerhin der umspielte Kern des uraufgeführten Werks.
Der Programmzettel verweist auf seine Quellen, u.a. das Buch „Toxische Weiblichkeit“ von Sophia Fritz, das weibliche Prototypen wie „die Mutti“, „die Bitch“, „das gute Mädchen“ oder „die Powerfrau“ dekonstruiert einschließlich „klischeehafter Verhaltensmuster“.
Verkopftes Tampon-Ding
Bungarten sagt, sie wolle mit ihrem Schreiben Politisierung befördern und sensibel machen für „den Zusammenhang Antifeminismus, Transphobie, Rassismus, Kapitalismus und rechtem Gedankengut“. – Sehr schön; aber too much. Denn auch die Regie vermochte das verkopft kapitalismus-feminismus-kritische Tampon-Ding nicht zu retten. Und so rackerte sich die sehr versierte Anita Vulesica redlich ab, das Hickhack um die Produktion von Damenhygieneartikeln als rasende Groteske auf die Bühne zu knallen. – Doch: Mission impossible! Bei dauerhaft Tempo, Tempo, Slapstick, Slapstick, Brüllen, Brüllen dröhnt uns nur noch der Kopf. An dieser Stelle verkneifen wir uns nicht den Verweis auf Vulesicas gelungene Groteske „Die Gehaltserhöhung“ am DT. (mehr dazu im Blog 487 vom 24. Juni 2024).
So war denn mit „Liebling“ alles gut gemeint, aber trotzdem falsch. Freilich, Freaks, Aktivisten und Aktivistinnen im Publikum johlen wie Bolle auf dem Milchwagen. Und feiern ein dressiert tobendes Ensemble (Frieder Langenberg, Mareike Beykirch Henni Jörissen, Katrija Lehmann).
Übrigens, toxische alte weiße Kerle würden bei solch einem Hauen und Stechen grinsen: Durchgeknallte Stutenbissigkeit. – Na und? Das Vorführen des Toxischen jenseits gebärmutterloser Menschen bleibt ein Verdienst der begabten jungen Künstlerin. Schreiben kann sie; doch noch fehlt griffiges Formen für die Bühne.
Deutsches Theater Kammer, bis 23. April. Hier geht’s zu den Karten .
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Hallo Regie, es ist doch alles da! Und zwar im Bestzustand: Das perfekt gebaute, klug gestraffte Stück (Nikolai Gogol /Philip Tiedemann); die gewitzte Überarbeitung mit trefflichen Einschüssen zeitgenössischer Pointen (John von Düffel), das malerische Bühnenbild auf praktikabler Drehscheibe für flinke Szenenwechsel (Alexander Martynow), ein fein dynamischer Soundtrack (Peer Neumann) und ein wendiges Ensemble: Frank Kessler, Helene Barke, Krista Birkner, Lukas Benjamin Engel, Steffen Melies, Oliver Nitsche, Oliver Seidel.
Und warum läuft das verrückte Ding aus dem Tollhaus, Gogols Satire aus dem zaristischen Russland von 1835 „Der Revisor“, trotzdem nicht rund? – Weil die Regie, weil der kampferprobte Recke Philip Tiedemann den überflüssigen Ehrgeiz hatte, uns zu beweisen, dass er auch Slapstick kann. Kann er; kann er viel zu gut.
Deshalb wird aus jedem Auftritt, jeder Szene ein hechelndes Hin und Her, Spring und Stürz, Klipp und Klapp. Die gepeitschten Akteure können den Text nur noch schweißtreibend rauskeuchen. Lauter hektische Hampelmänner. Das nervt, anstatt zu packen.
Buckeln, Schleimen, Treten
Dabei geht es um einige handfeste Probleme, die uns alle umtreiben: Da sind ein korrupter sadistischer Stadthauptmann eines Provinznests, der die verlotterten Honoratioren der elenden Örtlichkeit, Pope, Postmeister, Schuldirektor, Gerichtsvorsteher, terrorisiert und Schmiergelder erpresst. Plötzlich tritt ein armer Schlucker auf, der fälschlicherweise für einen Revisor aus Moskau gehalten wird, von dem man weiß, dass der inkognito anreist. Und nun buhlt und bettelt die versoffene, verkommene Bagage untertänigst um die Gunst des (vermeintlichen) Kontrollchefs aus der Hauptstadt.
Opportunismus, Gemeinheit, Neid und Lüge wuchern. Man wirft bestechend mit Rubeln nur so um sich. Und der falsche Revisor spielt mit, lässt sich‘s gut sein, schlägt aber am Ende grinsend alle mit hämischem Wumms vor die Blödköppe.
Eine bitterböse, freilich auch menschlich- allzu menschliche Geschichte, unter der immerhin noch winzige Reste von Sehnsucht glimmen nach etwas Besserem, Schönerem. Doch die sind zertrampelt. Hier tobt nur noch Krawall-Klamotte.
Schlosspark Theater, bis zum 27. April. Hier geht’s zu den Karten.
1. Volksbühne Schönes Happening in ruinösen Zeiten
2. Deutsches Theater Toxische Frauenmacht
3. Schlosspark Theater Krawall mit Blödköppen
1. Staatsballett Berlin Alles nur geträumt
2. Deutsches Theater Wunschträume und andere
3. Yorck-Kinos Der Alb-Traum vom Ruhm
1. Komische Oper Die Macht der Ideen
2. Wintergarten Berlins Gegenwart ist Gaga
3. Komödie Emotionen stören beim Ermitteln
1. Bar jeder Vernunft Das Leben ist schön – meistens
2. Theater Strahl Klug gekleistert
3. Grips Vom Kreuz des Erwachsenwerdens
1. Schaubühne Vexierspiel mit Komödianten
2. Gorki „Ich bin das Lied“
3. Renaissance Theater Na wat denn, wat ist das für ne Stadt denn
1. Berliner Ensemble Wer ist Faust, wer Mephisto?
2. Neuköllner Oper Vom Glück der kleinen Fische
3. Deutsches Theater Gegen die Gleichgültigkeit