Siegfried Nestriepke
Manche Mitglieder und Gäste haben sich vielleicht schon gefragt, warum die Geschäftsstelle von Kulturvolk l Freie
Volksbühne Berlin Siegfried-Nestriepke-Haus heißt. Dr. Siegfried Nestriepke (1885–1963) gehörte zu den zentralen
Akteuren der Volksbühnen-Bewegung der 1920er bis frühen 1960er Jahre – nicht nur in Berlin, sondern deutschlandweit. Siegfried Nestriepke wurde am 17. Dezember 1885 im ostpreußischen Bartenstein (heute Bartoszyce) geboren. Er beendete seine Schulzeit in Bremen und studierte von 1905 bis 1910 Nationalökonomie, Geschichte und Literaturgeschichte in Berlin und Marburg, wo er 1910 über den Dichter Christian Friedrich Daniel Schubart promovierte. Nestriepke interessierte sich schon früh für das Gewerkschaftswesen, trat um 1912 in die SPD ein und war als Journalist u. a. für die „Fränkische Tagespost“, den „Vorwärts“ und die „Hamburger
Volkszeitung“ tätig. 1918 wechselte er kurzzeitig zur USDP, 1920 wieder zur SPD.
1918 wurde Nestriepke Vorstandsmitglied der Freien Volksbühne Berlin. Beim Zusammenschluss der beiden seit 1892 getrennten Vereine Freie Volksbühne und Neue Freie Volksbühne zur Volksbühne E. V. wurde Siegfried Nestriepke 1920 Generalsekretär dieses neuen Vereins; zudem redigierte er die Vereinszeitschrift „Blätter der Volksbühne Berlin“. Außerdem wurde er Geschäftsführer des im selben Jahr gegründeten Verbands der deutschen Volksbühnenvereine (von 1928 bis 1933 Vorstandsmitglied) und redigierte für mehrere Jahre auch dessen Verbandszeitschrift „Volksbühne – Zeitschrift für soziale Kunstpflege“ (später: „Die Volksbühne. Zeitschrift für soziale Theaterpolitik und Kunstpflege“). Von 1921 bis 1923 leitete Nestriepke als Direktor das von der Volksbühne E. V. gepachtete Neue Volkstheater in der Köpenicker Straße 67-68 (als zusätzliche Spielstätte zum 1914 eröffneten Theater am Bülowplatz, heute Rosa Luxemburg-Platz).
1930 wurde Siegfried Nestriepke neben seiner Position als Generalsekretär der Volksbühne E. V. auch Verwaltungsdirektor des Theaters am Bülowplatz und 1932 zudem Geschäftsführer des Vereins. Angesichts der sich abzeichnenden Gleichschaltung des Vereins durch die Nationalsozialisten erklärte Siegfried Nestriepke im Mai 1933 gemeinsam mit dem Vorstand und den Verwaltungsgremien der Volksbühne E. V. seinen Rücktritt als Geschäftsführer des Vereins sowie als Verwaltungsdirektor des Theaters.
Er arbeitete zunächst als freier Schriftsteller, nach seinem Ausschluss aus der Reichsschrifttumskammer dann für ein Filmunternehmen.
Nach dem Krieg war Siegfried Nestriepke bis Anfang 1946 Geschäftsführender Direktor des Schlossparktheaters sowie 1946 bis 1947 Leiter der Abteilung Volksbildung und Kunst des Magistrats von Groß-Berlin. Siegfried Nestriepke war ab 1947 maßgeblich daran beteiligt, die Freie Volksbühne Berlin wiederzugründen und in den folgenden Jahren aufzubauen. 1949 übernahm er die Intendanz und ab 1953 die Geschäftsführung des Theaters der Freien Volksbühne (Theater am Kurfürstendamm).
Siegfried Nestriepke war von 1947 bis 1954 und von 1957 bis 1961 Vorsitzender des Verbandes der deutschen Volksbühnen-Vereine e.V., zudem von 1952 bis 1962 Vorsitzender des Verbandes deutscher Volksbühnen. Um 1960 korrespondierten Nestriepke und der seit 1951 wieder in Deutschland lebende Erwin Piscator bezüglich der Intendanz des Theaters der Freien Volksbühne, was letztlich zu Piscators Wahl zum Intendanten des Theaters im Jahr 1962 führte (ab Mai 1963 im neuerrichteten Theater in der Schaperstraße). Anfang November 1961 trat Nestriepke aus gesundheitlichen Gründen als erster Vorsitzender der Freien Volksbühne Berlin zurück; sein Nachfolger wurde Günther Abendroth.
Am 5. Dezember 1963 starb Dr. Siegfried Nestriepke. Am 15. Januar 1964 beschloss der Vorstand, das Haus des
Vereins in der Ruhrstraße 6 in Berlin-Wilmersdorf in „Siegfried- Nestriepke-Haus“ zu benennen. Siegfried Nestriepke hinterließ ein umfangreiches publizistisches Oeuvre, u. a. ein dreibändiges Werk zur
Gewerkschaftsbewegung, zwei ausführliche geschichtliche Darstellungen der Volksbühne (bis 1914 und nach 1945) sowie eine Vielzahl von Artikeln, Beiträgen und Vorträgen zur Volksbühnenbewegung.
Autor: Frank-Rüdiger Berger